Aktion „Neue Nachbarn“ – Orchester für Flüchtlinge und weitere Ideen

von Silvia Möller

Nur auf Umwegen und mit etwas Mühe kamen die Gottesdienstbesuche an diesem letzten Sonntag im September in die Kirche St. Mariä Heimsuchung in Sankt Augustin. Mit ausdrucksstarken Plakaten zum Thema Flüchtlinge versperrten Messdiener und Mitglieder des Gemeindeausschusses den direkten Weg in das Gotteshaus.

Ich gebe denen meine Stimme, die ihre auf dem Weg durch Gewalt und Angst verloren haben.

ODER

Jeder Flüchtling, der auf dem Meer ertrinkt, ist ein Flüchtling zuviel, egal ob er vor einem Krieg oder aus wirtschaftlicher Not heraus geflohen ist.

Neue NachbarnDiese oder ähnliche Aussagen waren dort zu lesen und mancher Messbesucher kam so schon vor Beginn der Messe ins Nachdenken. „Vielleicht habt ihr euch darüber gewundert und hoffentlich nicht allzu sehr geärgert“, versuchte Pfarrer Peter Emontzpohl dann auch in seiner Begrüßung die Gedanken der Gottesdienstbesucher einzufangen. „Doch das war Absicht. Wir wollten euch wachrütteln und euer Herz gewinnen. Helft mit, damit Flüchtlinge keine Flüchtlinge bleiben, sondern ein Teil unserer Gemeinschaft werden.“

Erstes Treffen „Neue Nachbarn“

Um ganz konkrete Hilfe ging es dann auch beim ersten Treffen der Aktion „Neue Nachbarn“, die der Gemeindeausschuss der katholischen Pfarrei in Anlehnung an die gleichnamige Aktion des Erzbistums Köln ins Leben gerufen hat – und das, wie sich zeigen sollte, mit großem Erfolg. Mehr als siebzig Interessierte blieben im Anschluss an die Messe noch zusammen, um nach sinnvollen Ideen für die Freizeitgestaltung von Flüchtlingen zu suchen, sich persönlich einzubringen und zu engagieren. „Sie haben sich buchstäblich wachrütteln lassen, vielen Dank dafür“, so Pfarrer Emontzpohl. Dass gerade eine sinnvolle Freizeitgestaltung dringend gebraucht und gewünscht wird, erzählte Ashraf Matar. Der 33jährige Syrer lebt seit zwei Wochen in einer Flüchtlingsunterkunft in Sankt Augustin, einer ehemaligen Turnhalle. Dort sind zurzeit vierzig junge Männer aus Syrien, Afganistan, Iran und dem Irak untergebracht. In zehn durch einfache Sperrholzwände abgetrennte Räume leben jeweils vier Menschen auf engstem Raum zusammen. Außerdem gibt es noch einen Gemeinschaftsraum und eine provisorisch eingerichtete Küche, dem einzigen Ort in der Unterkunft, wo es auch Strom gibt. „Rasieren findet bei uns morgens in der Küche statt“, erklärt Matar lachend und auf Englisch. Aber er will sich auf gar keinen Fall beklagen. Immer wieder betont er, wie glücklich er sei, hier in Deutschland sein zu dürfen. „Ihr seid alle so nett zu uns. Wenn ich sehe, dass ihr heute hier zu diesem Treffen gekommen seid um uns zu helfen, dann rührt mich das sehr. Ihr könntet jetzt auch bei euren Familien sein oder euren Hobbys nachgehen. Aber ihr seid hier. Vielen Dank, ihr seid jetzt meine Familie.“

Schnelles Deutschlernen als oberstes Ziel

Das wichtigste für Ashraf Matar sei es nun, ganz schnell Deutsch zu lernen, sich in Deutschland einzuleben und – eine sinnvolle Beschäftigung für die Freizeit. „Für viele von uns sieht der Tagesablauf im Augenblick so aus: Essen, etwas zusammensitzen, schlafen, essen, wieder etwas zusammensitzen, schlafen. Das ist nicht normal und uns auch nicht gut“, so Matar. Doch um diese von Matar beschriebene, quälende Langeweile einzudämmen, braucht es Ideen und viele helfende Hände aus der Gemeinde – und die gab es beim Aktionstreffen „Neue Nachbarn“ reichlich. „Wir wollen, dass die Flüchtlinge Kontakt zur Bevölkerung bekommen. Sie sollen nicht nur allein in ihren Unterkünften sitzen“, erklärt Irmgard Hölzemann, Mitglied im Gemeindeausschuss und Koordinatorin des Lotzenpunktes in Sankt Augustin, einer ständigen Anlaufstelle, die der Seelsorgebereich Sankt Augustin und der Caritasverband Rhein-Sieg ins Leben gerufen hat. „Das ist uns ganz wichtig!“ So wurde an diesem Vormittag angeregt, nach einem Hamburger Vorbild ein Orchester aus Gemeindemitgliedern und Flüchtlingen aufzubauen. Dabei könnte die örtliche Musikschule mit Instrumenten unterstützen. Auch Chöre sollen entstehen – einer für Erwachsene und einer für Kinder. Für diese Projekte wurden bereits während des Treffens Menschen gefunden, die die weitere Planung und Organisation übernehmen werden. „Das ist wirklich toll! Musik verbindet und überwindet Sprachbarrieren. Deutsch lernt man doch durch Singen viel leichter“, so Claudia Schieffer, ebenfalls Mitglied im Gemeindeausschuss. „Auch Menschen, die mit Kindern basteln möchten, haben sich schon gemeldet.“ Ebenfalls fest eingeplant sind bereits drei Samstage im Pfarrzentrum der Gemeinde. Hier soll es ein Begegnungscafe, eine Kicker- und ein Tischtennisturnier geben. „Diese offenen Angebote richten sich an alle Flüchtlinge in Sankt Augustin. Das sind zurzeit etwa um 500“, berichtet Irmgard Hölzemann. „Alles Menschen, die auf Dauer hier bei uns in Sankt Augustin bleiben und sich nicht nach ein paar Tagen wieder auf den Weg machen müssen in eine andere Stadt in Deutschland. Sie sind alle herzlich eingeladen.“

Jede Hilfe ist willkommen

Um diese Samstage gut und für alle Beteiligten zufrieden stellend durchführen zu können, sei jede Hilfe Willkommen: einen Kuchen backen, Getränke bereitstellen oder einfach eine Partie Tischtennis oder Kicker mitspielen. „Jedes Engagement zählt und wir gerne angenommen.“ Außerdem habe man seitens des Gemeindeausschusses bereits Kontakte zum Kölner FC und zu den Telekom Basketts geknüpft. „Die Telekoms haben sich sofort zurückgemeldet“, so Tobby Toparkus, ein weiteres Mitglied des Ausschusses. „Sie haben gefragt, zu welchem Spiel wir kommen möchten und wie viel Freikarten wir brauchen. Einfach Klasse!“ Nun würden auch hier Engagierte gesucht, die die Flüchtlinge zum Spiel begleiten. Ein Projekt haben die Mitglieder des Gemeindeausschusses von Mariä Heimsuchen übrigens bereits erfolgreich abgeschlossen. Für die Flüchtlinge, die in Turnhallen untergebracht sind, haben sie alte Koffer gesammelt. Denn die Flüchtlinge in diesen Unterkünften besitzen keine Schränke. So bewahren sie ihr weniges Hab und Gut oft in Tüten auf. „Wir haben circa achtzig Koffer in die Unterkünfte gebracht“, erzählt Sarah Rockenfeld von ihrer Ausschussarbeit. „Die Flüchtlinge können nun ihre Sachen darin verstauen und dann unter ihr Bett schieben. So hoffen wir für die Menschen ein wenig Privatsphäre geschaffen zu haben. Es ist kein abgeschlossener Schrank, aber immerhin ein Aufbewahrungsort, der etwas Intimität wahrt.“