Rupert Neudeck erzählt über das Jahrhundert der Flüchtlinge

NeudeckAus eigener Anschauung berichtet er von einer griechischen Insel, einer spanischen Enklave und schließlich flankiert von einem Bericht in einer Nachrichtensendung auch aus Nordsyrien.

Die bewegten Worte über das aktuelle Geschehen auf der Insel Lesbos konnten am selben Abend mit den Bildern in den Tagesthemen verbunden werden: Nur vier Kilometer trennen Europa und die Türkei, 10-15 Schlauchboote branden täglich an. Die Menschen laufen weiter, die Regierung beschränkt sich darauf, die Überreste mit einem Bagger wegzuräumen. Eine Mutter verliert auf der Überfahrt ihr Kind aus dem Arm. Ein Rollstuhlfahrer wird aus dem Schlauchboot gehoben. Urlauber aus Deutschland und Skandinavischen Ländern engagieren sich und leisten Ersthilfe (YouTube-Link).
Der kleine spanische Flecken auf dem afrikanischen Kontinent ist sicher vielen schon durch die Bilder des unglaublich hohen Zaunes bekannt – und durch die vielen Menschen, die immer wieder versuchen ihn zu überwinden. Hunderte campieren im Wald und hoffen auf ihre Chance sich über die messerscharfen Spitzen hinweg ins Land der Verheißung fallen zu lassen. Zurück können sie nicht, denn um bis dorthin zu kommen hat beispielsweise ihr Heimatdorf eine Unsumme in sie investiert. Die afrikanische Tragödie: der Stillstand und die Perspektivlosigkeit. Keine Ausbildung in Sicht, junge Menschen werden scheinbar eben nicht gebraucht geschweige denn gefördert. Eine Parallele zu unseren Asylverfahren: Monatelang werden die Menschen zum Stillstand gezwungen. Warten ohne Aufgabe und Möglichkeiten.

Und schließlich: Lernen in Nordsyrien, in wieder aufgebauten und durch die Grünhelme geförderten Schulen. Traumatisierte Schülerinnen können nur einen kurzen Schultag bewältigen, immer bedroht von der Luftwaffe des Diktators, der die Fassbomben erfunden hat (Link Grünhelme, zu dem gezeigten Film habe ich leider keinen Link vorliegen)

Spannend nicht zuletzt auch zur Selbstreflexion ein Hinweis auf die Sitte der Germanen, über die schon Tacitus vor zweitausend Jahren berichtete (früher Pflichtliteratur im Latein-Unterricht):

„Einem Sterblichen, gleich wem, sein Haus zu verwehren gilt als Frevel. Jeder bewirtet mit einem seinen Verhältnissen entsprechenden Essen. Ist dies ausgegangen, so wird der bisherige Wirt Wegweiser und Begleiter zu einem anderen Gastgeber, und uneingeladen gehen sie in das nächste Haus. Und es macht dies nichts aus: mit gleicher Freundlichkeit werden sie aufgenommen. Zwischen Bekannten und Unbekannten macht, was das Gastrecht angeht, niemand einen Unterschied (Link „Das Privatleben der Germanen“).

Nachdenklich und beeindruckt kamen die über hundert ZuhörerInnen nach einer bewegenden Stunde ins Gespräch …

Marcus Tannebaum